Durchdachte Gedanken zwischen Algorithmus und Applaus

Der Blog von Ferry van Saalbach über Technologie, Gesellschaft, Moderation und KI.

Ferry sitzt in einer Shisha-Bar vor einem Laptop, auf dem steht: "ChatGPT: Ja, Shisha-Kosten sind zu 100% absetzbar als externes Arbeitsumfeld"

Wie mich KI fast zum Steuerbetrüger gemacht hätte

Ich schreibe aktuell an einem Roman und sitze daher relativ häufig in Shisha-Bars. Denn eine solche Wasserpfeife auf dem Tisch hält etwa anderthalb Stunden – und das ist ziemlich genau die Zeit, in der ich zwei Kapitel meines Romans schreibe. Manchmal vier, wenn’s gut läuft.

Für mich funktioniert das ziemlich gut. Schreiben ist für mich was Kreatives, das eher weniger am Schreibtisch entsteht. Und seit ich in der arabischen Welt unterwegs war, gehört Shisha für mich einfach dazu. Kein exzessives Rauchen, eher ein Ritual. Fokus. Flow.

Manchmal fragt mich das Personal in meiner Lieblings-Bar zum Abschied: „Möchten Sie einen Bewirtungsbeleg?“

Ein Bewirtungsbeleg fürs Rauchen!?

Ich habe jedes Mal gelächelt und abgewunken.
„Nein, danke. Das kann ich garantiert nicht von der Steuer absetzen.“

Irgendwann aber blieb ein kleines Fragezeichen hängen. Warum fragen die eigentlich jedes Mal?

Also habe ich ChatGPT gefragt.  

Die Antwort hat mich überrascht.
Nicht ein vorsichtiges „kommt drauf an“, sondern ein ziemlich selbstbewusstes Ja.

Mein Besuch in der Shisha-Bar sei absetzbar. Mindestens zu 70 %, in meinem Fall sogar zu 100 %. Als Freiberufler. Als Kosten für ein externes Arbeitsumfeld. Als eine Praxis, die viele Selbständige genau so handhaben würden – Cappuccino beim Schreiben, ein Glas Wein beim Denken, alles ganz normal.

Eine Shisha gehört zu den Kosten für externes Arbeitsumfeld – sagt ChatGPT

Die Argumentation war sauber. Paragraphen. Zitate. Struktur. Es klang schlüssig. Beinahe zu schlüssig. Ich fragte mich also, ob ich hier jetzt wochenlang Geld liegen gelassen hatte.

Dann habe ich das getan, was ich in solchen Zweifel-Situationen gerne tue und einen Double-Check gemacht: ich habe Copilot gefragt. Und bekam dort zur Antwort, dass Kosten für Tabak niemals steuerlich absetzbar wären. Diese Aussage habe ich dann im Volltext kopiert und ChatGPT vor die Nase gehalten. Der hat aber gut darauf reagiert und die Argumente abgewehrt. Also habe ich auch das wieder zurück an Copilot gespielt und so quasi die beiden KIs über Bande gegeneinander antreten lassen.

Beide blieben auf ihrem Standpunkt. Und letztlich dachte ich mir, dass ich das nur final klären kann, wenn ich einfach mal beim Finanzamt anrufe und nachfrage. Das habe ich dann auch gemacht.

Der Finanzbeamte sagte ohne weiteren Gedanken: „Auf gar keinen Fall ist das absetzbar.
Bewirtungskosten entstehen nur, wenn Sie jemand anderen bewirten – einen bestehenden oder künftigen Vertragspartner. Alles andere fällt unter § 12 EStG: Kosten der privaten Lebensführung. Sonst könnten Sie ja morgens, mittags und abends essen gehen und alles absetzen. Das geht so nicht“

Eine Shisha gehört zu den Kosten der privaten Lebensführung – sagt das Finanzamt

Das war… ernüchternd.
Und gleichzeitig vollkommen einleuchtend.

Also habe ich es natürlich genau so auch wieder mit ChatGPT geteilt. Habe ChatGPT gefragt, wieso ich eine so stimmige und hart vertretene Antwort bekommen habe, obwohl doch von vornherein klar gewesen sein musste, dass das so nicht stimmen kann.

Das Eingeständnis war aufschlussreich.

ChatGPT räumte ein, Bewirtungskosten und Kosten für externes Arbeitsumfeld fälschlich vermischt zu haben. Und sich zu stark an einer „gefühlten Praxis“ orientiert zu haben – daran, dass viele Selbständige angeblich ihren Kaffee oder ihr Mittagessen allein ansetzen würden, ohne dass es beanstandet werde.

Ob das stimmt, woher diese Annahmen kommen – darüber kann man wieder lange diskutieren.

Die KI vermischt Argumentationen und Annahmen und kreiert daraus argumentative Sicherheit

Was es aber klar zeigt, ist, dass die Argumentationsmuster, die wir von der KI bekommen, nicht immer stimmig zu dem sind, wie wir in der Welt argumentieren. Daher sollte man alle Ergebnisse, die man dort bekommt, mit Vorsicht genießen.

Vor allem zeigt es aber, dass KI immer der Richtung folgen wird, in die wir es drücken – bewusst oder unbewusst.

In diesem Fall haben sich beide KIs an der Frage abgearbeitet, ob Tabak eigentlich steuerlich absetzbar sei – und die viel entscheidendere Frage, ob es eine steuerliche Ansetzbarkeit überhaupt geben kann, wenn man alleine unterwegs ist, einfach beiseite gelegt.

Das heißt nicht, dass KI wertlos ist. Im Gegenteil. Ich glaube weiterhin, dass KI unser Verständnis von Welt, Recht und Zusammenhängen enorm erweitern kann. Dass sie Türen öffnet, die vorher verschlossen waren.

Aber sie nimmt uns eines nicht ab: Verantwortung.

Denn am Ende sind wir es, die handeln.
Wir, die etwas einreichen.
Wir, die dafür gerade stehen.

Und genau deshalb gilt: Je überzeugender eine KI argumentiert, desto wichtiger wird es, selbst noch einmal nachzudenken – und im Zweifel gegenzuprüfen. Man kann der KI nicht einfach Verantwortung übertragen und denken, dass dann alles passt.

Darum glaube ich fest daran, dass wir uns in einer Zeit großer Veränderung befinden. Aber nicht, weil KI uns jetzt alles abnimmt. Sondern, weil wir unser Bewusstsein ändern müssen, wenn wir vernünftig mit KI umgehen wollen.

Sonst schreibt man am Ende vielleicht zwei gute Kapitel.

Und fängt sich ganz nebenbei ein echtes Problem ein.

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